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3,6 Prozent: Waiblingen

Frauen im Zentrum Waiblingen e.V.

Lesung am 09.10.2016

An diesem Sonntag bin ich aber nicht die Einzige, die um 9 Uhr am Bahnhof steht. Ich bin auf dem Weg zu einer Matinee mit Frühstück im Familienzentrum KARO in Waiblingen gemeinsam mit den Frauen im Zentrum FraZ, dem Frauenrat Waiblingen und der Stadtbücherei. Um mich herum warten beängstigend viele Menschen in kurzen Röckchen, Schühchen mit Schleifchen und Bierchen in Hand an der Bahnsteigkante. Der Cannstätter Wahnsinn hat wieder begonnen. Ich weiche ihnen und ihren lauten Gesprächen aus, so gut es geht und springe schnell in den nächsten Waggon, als sich eine Horde Lederhosen mit Bierkasten nähert. Wenn Sie jemanden sehen, der sich hinter einem schwarzen Koffer und einer Mütze in einem Doppelsitz gleich neben der Tür verschanzt, dann bin ich das mit 90% Wahrscheinlichkeit.

Frauenfrühstück. Frauenrat. Frauenzentrum. Frauenveranstaltungen bedeuten meistens, dass die anderen Frauen älter sind als ich und mich um 10 Jahre jünger schätzen. Die Vorahnung bestätigt sich. Ein Raum voller Frauen im Alter meiner Mutter. Der einzige Mann ist der freie Journalist, nachdem der Fotograf schon nach 10 Minuten und vor Beginn der Lesung wieder abgehauen ist. Er braucht ja nur ein Bild. So sieht das Bild dann auch aus. Wäre mit meinen Lese-Requisiten doch viel schöner gewesen. Naja, man kann nicht alles haben, da hätte er dann noch etwas warten müssen, bis sein Kollege mit den Fragen durch ist. Der Freie weiß natürlich genau, was es heißt, prekär zu leben, obwohl er studiert hat. Ich verkneife mir die Frage, was er pro Zeile bekommt. Manchmal bin ich doch erleichtert, dass ich nicht mehr auf Zeile schreibe.

Meine Zuhörerinnen lauschen geduldig. Da wir eine kleine Runde sind (etwa 15 bis 20 Frauen), kann ich in jedes Gesicht gucken. Es sind aber immer nur ein paar Gesichter, die man am Ende in Erinnerung behält. Jene, die am nächsten saßen, oder die etwas Ungewöhnliches gefragt haben.

Heute gehen die Fragen in die politische Richtung. Gut, wir sind hier wohl alle ungefähr grundlegend der gleichen Meinung: Mehr soziale Gerechtigkeit. Daher droht diese Diskussion unergiebig zu werden. Meine Zuhörerinnen scheinen zum größten Teil schon in Rente zu sein. Aber einige waren eine Zeit lang Hartz-IV. Eine war Sozialarbeiterin. Manche holen ihre eigenen Erfahrungen raus. Andere verschwinden still. Eine sagt: »Es ermutigt mich, dass jemand so Junges wie Sie kommt und über das Thema redet.« Das freut mich. Auch wenn ich wahrscheinlich nicht ganz so jung bin, wie sie schätzt, aber immerhin, ich bin noch jung genug, um anderen Hoffnung zu machen und sie ein bisschen zum Nachdenken anzuregen. Das reicht für einen Sonntagvormittag. Und für noch so ein herzliches »Schreiben Sie weiter«, würde ich wieder sonntags früh aufstehen.

Verkaufte Bücher: 9

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Published inRückblick Lesung

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