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„Nur ein paar Worte an meine braunen queeren undefinierbaren Freunde“ 

Eine starke Stimme aus Schweden

Jonas Hassen Khemiri ist mein Vorbild. Schon seit seinem Erstling „Ett öga rött“. Einige kritisierten damals, dass er „blattesvenska“ also Kanaksprak oder das Pendant zu „Kiezdeutsch“  in seinem Roman verwandte,  über einen jungen Mann mit tunesischen Eltern.

Seit seinem Erstling und seit dem Tag, an dem ich ihn in den Nordischen Botschaften dolmetschen dufte, ist er berühmt und etabliert nicht nur in der schwedischen Literatur- und Theaterszene. Seine Stücke werden auch an der Schaubühne in Berlin gespielt.

Zur rechtspopulistischen Stimmung, die in Schweden ebenso spürbar ist, wie in Deutschland, schrieb Jonas Hassen Khemiri einen öffentlichen Brief an seine „Brüder“. Weil es ein Brief über das eigene Zweifeln ist, für die Toleranz gegenüber den Geflüchteten, der auch die Stimmung in Deutschland beschreibt, habe ich ihn übersetzt. Dies ist keine professionelle Übersetzerarbeit, aber ausreichend, um dem Gedankengang von Khemiri folgen zu können.

Seinen Brief veröffentlichte er zunächst bei Instagram, dann in Dagens Nyheter am 8. September 2018 vor der Wahl in Schweden.

Nur ein paar Worte an meine braunen queeren undefinierbaren Freunde 

Jonas Hassen Khemiri

Ihr, die ihr im Fokus dieser Wahl standet, ward gleichzeitig merkwürdig unsichtbar: Es ist nicht komisch, dass Euch das Atmen schwerfällt, es ist nicht verwunderlich, dass Ihr Euch vor der Zukunft beunruhigt und mit einem Gefühl keine Wahl zu haben umhergeht. Denn wenn Ihr hier geboren seid, dann seid Ihr Landesverräter, wenn Ihr im Ausland geboren seid, dann sollt Ihr ausgewiesen werden. Wenn Ihr arbeitet, nehmt Ihr uns unsere Jobs, seid Ihr arbeitslos, dann nutzt ihr unsere Sozialleistungen aus. Wenn Ihr in Euren Vororten wohnen bliebt, dann weigert Ihr Euch zu integrieren, wenn Ihr in neue Stadtteile zieht, dann verschlechtert Ihr den Wohnungsmarkt. Wenn Ihr mit Akzent sprecht, seid Ihr ungebildet, sprecht Ihr perfekt, dann spielt Ihr uns was vor. Wenn Ihr ohne Grenzen liebt, seid Ihr Sodomiten und Rassenverräter, wenn Ihr auf die korrekte Weise liebt, dann haben wir Angst, dass Ihr unsere Frauen klaut und unserer Männer verführt.

Wir wissen, dass es schnell gehen kann; plötzlich kommen unsere Enkelkinder mit Ansichten nach Hause, die nicht unsere sind, mit neuen Schimpfworten,  sprechen lauter, gestikulieren ausladender und tanzen im Takt zu Musik und geben in der Bar eine Runde aus, ohne zu sagen „Ich zahle diese, wenn du die nächste zahlst.“

Wenn ihr die Religion Eurer Eltern praktiziert, seid Ihr rückwärtsgewandt und Frauenverächter, wenn Ihr unsere Religion praktiziert, dann werden wir unsicher, ob Ihr wirklich glaubt, oder ob Ihr vor allem in die Kirche geht, um einen Aufenthaltstitel zu bekommen, die Kollekte zu stehlen oder mit den Organisten zu flirten.

Wenn Ihr Euch an unsere Gesetzten haltet, seid Ihr unsichtbar, wenn Ihr eine Straftat begeht, seid Ihr unübersehbar.

Wenn eine Million von Euch zu Alnatura gehen  Biobananen kaufen und das letzte Brot ganz hinten aus dem Regal nehmen, wenn Ihr bei Easy Sport trainiert und Promi Dinner im Fernsehen seht, die Blumen des Nachbarn gießt, Euch an die Waschzeit im Waschkeller haltet und zur Schwimmhalle mit dem Fahrrad fahrt, seid Ihr einsam. Wenn einer von Euch vergewaltigt, ein Auto in Brand setzt oder sich selbst in die Luft sprengt, dann ist er eine Million. Trotzdem gebt Ihr nicht auf.

Eine Freundin stellt sich als Wahlhelferin zur Verfügung (Ein Mann weigert sich ihr seinen Umschlag zu geben, er will, dass „ein Schwede“ ihm helfen soll.)

Eine andere engagiert sich für die Rechte von Flüchtlingskindern in die Schule zu gehen. (Sie simst mir das Bild von einem Aufkleber, den eine rechtsradikale Gruppe an ihre Tür geklebt hat.)

Eine dritte Freundin macht nichts Besonderes. Sie versucht ihr Leben zu leben, die Raten für das Eigenheim abzubezahlen und mit ihrem neuen Freund abzuhängen. Wenn sie in der Stadt sind, dann halten sie Hände, aber wenn sie sich seinem Wohnviertel nähern, dann lassen sie sich los. Es ist unnötig, etwas zu riskieren.

Ein vierter Freund gibt zu, dass dieser Wahlkampf in sein Hirn gesickert ist, er merkt, dass das Gift angefangen hat zu wirken, dass er komische Gedanken hat, wenn er Menschen ansieht, die aussehen wie er selbst, wenn er durch seinen Bezirk geht, wenn er in der Notaufnahme sitzt oder im Stau steht und er denkt, dass es zu eng geworden ist, dass der Platz nicht für alle reicht, dass einige nach Hause fahren müssen.

Es wäre eine Erleichterung, wenn es den vierten Freund wirklich gäbe. Aber der Vierte bin ich selbst. Die Idee, dass es einen fremden Feind gibt, ist so ansteckend. Der Sündenbock muss immer wo anders sein, aber nie in uns.

So lange der Feind unsichtbar und stimmlos ist, können wir die Schuld für die schlechteren Schulergebnisse weiterhin auf den Familiennachzug schieben. Wir können behaupten, dass das Zugchaos etwas mit dem Ruf zum Gebet zu tun hat. An den Millionengewinnen von Veräußerungen sind die  Genderneutralen-Kindergärten Schuld.

Und an dem furchtbar heißen Sommer ist als die Wärme Schuld, die durch Euren naiven Glauben generiert wird, dass wir gemeinsam eine starke Gesellschaft bauen können. Ohne Sündenbock müssen wir uns selbst erkennen.

Dazu sind wir noch nicht bereit.

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