{"id":281,"date":"2015-05-30T21:38:57","date_gmt":"2015-05-30T19:38:57","guid":{"rendered":"http:\/\/undinezimmer.de\/?page_id=281"},"modified":"2015-06-05T21:53:08","modified_gmt":"2015-06-05T19:53:08","slug":"ich-bin-etwas-wert","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/blog\/ich-bin-etwas-wert\/","title":{"rendered":"\u00bbIch bin etwas wert\u00ab"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Willenskraft, Gl\u00fcck und Armut\u00a0mit dem T\u00e4nzer und Choreographen Royston Maldoom<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_291\" aria-describedby=\"caption-attachment-291\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-291 size-medium\" src=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/11-e1433016177158-300x238.jpg\" alt=\"Royston Maldoom und Undine Zimmer\" width=\"300\" height=\"238\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-291\" class=\"wp-caption-text\">Royston Maldoom &amp;\u00a0Undine Zimmer<\/figcaption><\/figure>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>UZ:<\/strong> Mister Maldoom, Sie haben sich mit 22 daf\u00fcr entschieden T\u00e4nzer zu werden. Das <\/span><span lang=\"de-DE\">ist sp\u00e4t f\u00fcr eine klassische T\u00e4nzerkarriere. Woher wussten Sie, dass Sie es schaffen k\u00f6nnen?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>Royston Maldoom:<\/strong> Ich bin wohl einfach davon ausgegangen, dass es reicht, wenn ich nur flei\u00dfig trainiere. So einfach war es dann nicht. Aber als ich meine Entscheidung getroffen hatte, war mir klar, dass ich so weit gehen w\u00fcrde, wie ich konnte.<\/span><\/p>\n<p><strong>UZ:\u00a0<\/strong>Und wie weit sind Sie gekommen?<\/p>\n<blockquote>\n<h5>Es kommt darauf an, wie die anderen uns in der Gesellschaft wahrnehmen. Das absorbieren wir.<\/h5>\n<\/blockquote>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:<\/strong> Ich musste zuerst meine Grenzen kennenlernen. Auf Grund meines Alters, meines K\u00f6rpers und meiner Gr\u00f6\u00dfe und vieler anderer Dinge, lernte ich nicht so leicht, wie andere, die fr\u00fcher begonnen haben. Da ich viele unglaubliche Tanzfiguren nicht machen konnte, musste ich mich fragen, warum das nicht ging und was die Essenz des Tanzens ist. Diese Erfahrung wurde zu einem enormen Vorteil f\u00fcr meine Arbeit als Choreograph.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>UZ:\u00a0<\/strong>Sie haben in Hamburg Wochen lang mit Menschen trainiert, die Armutserfahrung in ihrem Leben gemacht haben und einen\u00a0<\/span>\u00bb<span lang=\"de-DE\"><a href=\"http:\/\/www.tanz-zwischen-den-welten.de\">Tanz zwischen den Welten<\/a>\u00ab einstudiert. Was ist besonders an solchen Projekten? <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Die Meisten, mit denen ich arbeite, haben eine sehr geringe Erwartung an das, was sie erreichen k\u00f6nnen. Oft brauchen wir jemanden, der uns sagt: Du kannst das! Das hebt uns auf das n\u00e4chste Level. Wenn ich zu Anfang eines Projekts also\u00a0in einen Raum mit 30 bis 100 Leuten gehe, bin ich der einzige, der wei\u00df, wozu\u00a0sie t\u00e4nzerisch f\u00e4hig sind. Ich muss sie am ersten Tag schon mit dem Wissen <\/span><span lang=\"sv-SE\">behandeln<\/span><span lang=\"de-DE\">, was sie in drei Wochen leisten werden. Denn wenn ich vorsichtig mit ihnen auf dem Level anfange, auf dem sie gerade sind, erschaffe ich ein St\u00fcck, das sich auf diesem Level bewegt. Dann werden sie zwei Wochen sp\u00e4ter sehr frustriert sein, weil sie merken, dass sie zu sehr viel mehr f\u00e4hig gewesen w\u00e4ren.<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<h5>Die Meisten, mit denen ich arbeite, haben eine sehr geringe Erwartung an das, was sie erreichen k\u00f6nnen.<\/h5>\n<\/blockquote>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong><span lang=\"de-DE\">Wie k\u00f6nnen Menschen diese Erfahrung aus dem Tanzworkshop in ihrem t\u00e4glichem Leben nutzen?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Wer keinen Glauben an sich selbst hat, wird auch niemanden von sich \u00fcberzeugen. Ich sage immer, wohin du auch gehst, geh mit dem Gedanken: Ich bin etwas wert, ich habe eine Idee, ich brauche diese Arbeit. Die Menschen werden dich anders wahrnehmen. Man muss nicht arrogant sein, man muss nicht aufdringlich sein, aber man muss seinen Wert kennen. <\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong>\u2026 <span lang=\"de-DE\">auch wenn einem jeder das Gegenteil erz\u00e4hlt?<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<h5>Meine Entschlossenheit hat die andern \u00fcberzeugt. Ich habe nicht aufgegeben, nur weil ich keine Unterkunft hatte.<\/h5>\n<\/blockquote>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Das ist oft der Grund warum Menschen denken, dass sie nichts wert sind. Das ist eine Folge der Armutserfahrung. Was hat es mit der Armut auf sich? Wir haben alle von Menschen geh\u00f6rt, nach dem Krieg zum Beispiel, die wenig hatten. Aber ihr Selbstbewusstsein war nicht durch die Armut erniedrigt. Man war stolz darauf, zur Arbeiterklasse zu geh\u00f6ren oder zur den Landwirten oder wozu auch immer. Es kommt darauf an, wie die anderen uns in der Gesellschaft wahrnehmen. Das absorbieren wir.<\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong>Kann also Tanzen Armut und Arbeitslosigkeit beeinflussen?<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Was ist Armut? Armut ist ein Problem, aber oft geht es bei relativer Armut nicht um das Hungern. Es kann sein, aber meistens geht es um die Auswirkungen der Armut auf die Psyche. Es geht darum, wie die Gesellschaft dich behandelt. Die Menschen sp\u00fcren das, sie sind dabei sensibel wie Kinder: Ein Kind w\u00e4chst auf, abh\u00e4ngig von dem Gef\u00fchl, wie es selbst wahrgenommen wird. Wenn die Eltern denken, ihr Kind ist zu allem M\u00f6glichen f\u00e4hig, wird das Kind sich viel zutrauen. Wenn das Kind immer wieder gespiegelt bekommt, dass es keinen Wert hat, dann wird es dies verinnerlichen. Man kann Menschen nicht versprechen, sie aus der Armut herauszuholen, aber man kann sich viele Gedanken dar\u00fcber machen, wie man die Menschen von den Auswirkungen der Armut befreien kann.<\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong><span lang=\"de-DE\">Wenn jemand seine Situation ver\u00e4ndern m\u00f6chte, was ist dann am wichtigsten: Talent, Disziplin, Routine, Hingabe, Spa\u00df an der Sache oder Sehnsucht nach etwas?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Sehnsucht. Das Verlangen etwas zu tun, ist das Wichtigste. Die Welt ist voll von talentierten Menschen, die nichts getan haben. Und die Welt ist voll von weniger talentierten Menschen, die sie ver\u00e4ndert haben. Wenn ich etwas Besonderes sehe, dann sehe ich nicht Talent, ich sehe das Verlangen etwas zu tun.<\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong>Was ist mit Disziplin?<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Disziplin ist unverzichtbar. Man kann im Leben nichts ohne Disziplin erreichen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die K\u00fcnste, die eine enorme Disziplin fordern. Besonders der Tanz: Tag f\u00fcr Tag musst du deine \u00dcbungen machen, du wirst ein Sklave deines K\u00f6rpers. Du arbeitest stundenlang. Du brauchst Disziplin, um den Punkt zu erreichen, an dem du sein m\u00f6chtest und du brauchst Disziplin um ihn zu halten. Die gleiche Art von Disziplin brauche ich, wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe.<\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong>Wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: Ich kann nicht. Was antworten Sie ihm?<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Das ist sehr schwierig. Es gibt immer fremdbestimmte Grenzen f\u00fcr das, was m\u00f6glich ist. Es w\u00e4re sehr arrogant jemandem in dieser Situation zu sagen, dass er erreichen muss, was ich mit sehr viel mehr Unterst\u00fctzung erreichen durfte. Was man darauf antworten muss, ist Folgendes: Wenn es das ist, was du willst, dann musst du dir dein Ziel vor Augen halten und es verfolgen, so weit wie du kannst. Das Wichtigste ist: Stell dir die Hindernisse nicht zu fr\u00fch vor und jammere nicht dar\u00fcber, wenn du kein Geld hast. Sorgen machen musst du dir nur, wenn du keine Vision hast.<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<h5>Stell dir die Hindernisse nicht zu fr\u00fch vor und jammere nicht dar\u00fcber, wenn du kein Geld hast. Sorgen machen musst du dir nur, wenn du keine Vision hast.<\/h5>\n<\/blockquote>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong>Sie sprechen aus Erfahrung?<\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Ich hatte kein Geld, als ich anfing zu Tanzen. Aber jede Ballettschule will bezahlt werden. Ich musste irgendwo bleiben. Also habe ich f\u00fcr eine ganze Weile auf der Stra\u00dfe gelebt. Ich habe in den \u00f6ffentlichen Toiletten Londons geschlafen, neben den Drogens\u00fcchtigen. Jeden Tag um 10 Uhr war ich beim Ballettunterricht. Das war das Wichtigste. Als sie mich in der Schule gefragt haben: Kannst du bezahlen? Da habe ich gesagt: Nein, aber Sie m\u00fcssen mich nehmen. Ich mache alles, ich streiche Ihr Haus, ich pflege den Garten oder mache Erledigungen, aber Sie m\u00fcssen mich nehmen, denn mein Platz ist hier. Darauf sind sie eingegangen. Ich habe f\u00fcr keine Ballettstunde bezahlt. Meine Entschlossenheit hat die andern \u00fcberzeugt. Ich habe nicht aufgegeben, nur weil ich keine Unterkunft hatte.<\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong><span lang=\"de-DE\">Kennen Sie \u00fcberhaupt das Gef\u00fchl, dass Sie keine Kraft mehr haben weiterzumachen?<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"de-DE\"><strong>RM:\u00a0<\/strong>Ich habe dieses Gef\u00fchl jeden Morgen wenn ich aufwache. Und es ist jedes Mal das Gleiche wenn ich zu einem Angebot Ja sage. Auch bei diesem hier in Hamburg. Wenn es kommt, denke ich, ich will nicht, ich will nicht, ich habe genug.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><strong><span lang=\"de-DE\">UZ:\u00a0<\/span><\/strong>Und was machen Sie dann?<\/p>\n<p><strong>RM:\u00a0<\/strong>Weitermachen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_293\" aria-describedby=\"caption-attachment-293\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/RMUZ_dance2-e1433016279526.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-293 size-medium\" src=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/RMUZ_dance2-e1433016279526-300x296.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"296\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-293\" class=\"wp-caption-text\">Royston Maldoom tries to teach me how to dance<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Der britische Choreograf Royston Maldoom, geboren 1943, ist Mitbegr\u00fcnder der Community-Dance-Bewegung. Er leitet seit \u00fcber 30 Jahren weltweit Tanzprojekte f\u00fcr jedermann, unabh\u00e4ngig von Talent und Erfahrung, Alter, Hautfarbe, ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit oder sozialer Herkunft. F\u00fcr sein soziales Engagement und seine k\u00fcnstlerische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten. <\/em><em>In Deutschland ist er vor allem durch den Kinofilm <a href=\"http:\/\/www.rhythmisit.com\/en\/php\/index_flash.php\">Rhythm is it! <\/a>(2004)\u00a0bekannt.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe ihn am 7. Mai 2015 in Hamburg getroffen, kurz vor der Vorf\u00fchrung des Tanzprojekts\u00a0\u00bbZwischen den Welten\u00ab. Dem Abend ging ein Workshop mit 30 von Armut-Betroffenen in Kooperation mit <a href=\"http:\/\/www.paritaet-hamburg.de\/startseite.html#&amp;panel1-1\">DER PARIT\u00c4Tische Hamburg<\/a>\u00a0voraus.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Willenskraft, Gl\u00fcck und Armut mit dem T\u00e4nzer und Choreographen Royston Maldoom<\/p>\n<p>Es kommt darauf an, wie die anderen uns in der Gesellschaft wahrnehmen. Das absorbieren wir.<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/blog\/ich-bin-etwas-wert\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">\u00bbIch bin etwas wert\u00ab<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":291,"parent":145,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-281","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=281"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/281\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":294,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/281\/revisions\/294"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/145"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/291"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}