{"id":976,"date":"2019-03-14T00:09:08","date_gmt":"2019-03-13T22:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/undinezimmer.de\/?page_id=976"},"modified":"2019-03-20T07:36:43","modified_gmt":"2019-03-20T05:36:43","slug":"bangor","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/bangor\/","title":{"rendered":"15.03.2019  Performance im Anschluss an &#8222;Ray and Liz&#8220; im Pontio, Bangor"},"content":{"rendered":"<h2>15.03.2019 Performance im Anschluss an &#8222;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u9kSbxwIiUg\">Ray and Liz<\/a>&#8220; im Pontio, Bangor<\/h2>\n<p>Extract \u00a0from the book &#8222;Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV Familie&#8220;<\/p>\n<p>You will find the <a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/bangor\/\">german version<\/a>\u00a0beneath.<\/p>\n<p>You will find\u00a0<a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/bangor-welsh\/\">the welsh version here<\/a>.<\/p>\n<p>You&#8217;ll find <a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/bangor-eng\/\">the englisch version here<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><strong>Die Armut der M\u00f6glichkeiten<\/strong><\/h1>\n<p>Armut in unserer Gesellschaft ist wenn man keine M\u00f6glichkeiten hat oder f\u00fcr sich keine\u00a0M\u00f6glichkeiten sieht eine Lebenssituation zu aktiv zu ver\u00e4ndern. Meine Mutter sagt \u201eWenn\u00a0ich mich nicht verwirklichen k\u00f6nnen materiell und immateriell.\u201c Ich f\u00fcge noch hinzu, wenn\u00a0ich meinen Platz in der Gesellschaft nicht einnehmen kann. Denn das ist das erkl\u00e4rte Ziel,\u00a0das einem jeder vorlebt. Das ist der Reichtum und der Luxus unserer Gesellschaft, sich\u00a0selbst verwirklichen zu k\u00f6nnen. Deswegen haben wir einen Katalog mit einer Masse\u00a0Ausbildungsberufen, die kein Mensch je im Kopf behalten kann. Und wer sich nicht selbst\u00a0verwirklichen kann, soll sich wenigstens n\u00fctzlich machen und keine Anspr\u00fcche stellen,\u00a0steht im Subtext f\u00fcr alle die, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen sich selbst zu verwirklichen.\u00a0Oder Angst davor haben die n\u00f6tigen Formulare auszuf\u00fcllen und sich wieder und wieder\u00a0selbst zu erkl\u00e4ren und f\u00fcr sich zu b\u00fcrgen.<\/p>\n<p>In Interviews wurde ich in den letzen Monaten seit erscheinen meines Buches gefragt:\u00a0Frau Zimmer sind Sie ein Beispiel daf\u00fcr, dass die \u201eIntegration&#8220; gelingen kann und unsere\u00a0Gesellschaft alles bietet was man braucht?<\/p>\n<p>Habe ich es geschafft?<\/p>\n<p>Bin ich irgendwo &#8222;heraus&#8220; gekommen? &#8211; oder ist da etwas ist an dieser Vorstellung von\u00a0vornherein falsch?\u00a0Die Worte &#8222;Integration&#8220; und &#8222;Assimilation&#8220; stehen l\u00e4ngst nicht mehr nur im\u00a0Zusammenhang mit der Debatte um Migration, Migrationshintergr\u00fcnde oder mehrfache\u00a0Staatsb\u00fcrgerschaft. Sie sind l\u00e4ngst zu Handwerkzeugen des Arbeitsmarktes geworden.\u00a0Integration &#8211; hei\u00dft arbeitsf\u00e4hig und leistungsf\u00e4hig sein. Wer den Anspr\u00fcchen der\u00a0Leistungsgesellschaft gen\u00fcgt ist ist leistungsf\u00e4hig, vermittelbar und so weiter.\u00a0Seine eigenen Autonomie, sein nicht so glattes Ich durchzuschl\u00e4ngeln, bedeutet meistens, dass man ein Quersteher ist, nicht alle Erwartungen erf\u00fcllt und sich schon an den Rand der Gesellschaft positioniert hat.\u00a0Normen wirken unterschwellig und geben vor wer \u00a8normal\u00a8 ist, wie man zu sein hat und\u00a0was alles gegeben sein muss, bevor man weiterkommen kann. Besonders dort wo die\u00a0Weichen f\u00fcr einen Lebenslauf gestellt werden. Normen wirken wenn es um die Bewertung geht: \u201cguter Sch\u00fcler&#8220; vs. &#8222;Schlechter Sch\u00fcler&#8220;. Oder wenn Erwachsene, Ausbilder, Arbeitgeber, Arbeitsvermittler, Lehrer, Institutionen und M\u00e4chtige messen wer &#8222;marktnah &#8220; &#8222;integrationsf\u00e4hig &#8220; und motiviert ist. Und was macht der, der nicht in diese Normen passt? Einmal im Leben gestellte Weichen sp\u00e4ter umzustellen kostet es Extrakraft und Willensanstrengung, Ausdauer und eine Menge Geduld f\u00fcr Gespr\u00e4che und Formulare.<\/p>\n<p>Das Versprechen von Chancengleichheit ist noch lange nicht das gleiche wie wahre Chancengleichheit, sagt Facebook Ceo Sheril Sandberg sinngem\u00e4\u00df. Das Versprechen der\u00a0Chancengleichheit erf\u00fcllt sich genausowenig wie die Frauenquote in Deutschland von selbst.<\/p>\n<p>Und die, denen das Versprechen gilt, die kostetet Tr\u00e4umen immer noch viel Mut, wenn keiner ihnen Hoffnung macht. Dabei ist es ist so viel leichter, f\u00fcr Tr\u00e4ume auch zu k\u00e4mpfen,\u00a0wenn du unterwegs Menschen triffst, die dich verstehen und an dich glauben, auch dann,\u00a0wenn du selbst noch zweifelst. Denn immer wenn es um die Zukunft geht, wird Herkunft pl\u00f6tzlich wichtig. Und auch tr\u00e4umen kostet manchmal Mut.<\/p>\n<h1><b>Frosch <\/b><\/h1>\n<p>Das fehlende Geld konnte auch zu Tr\u00e4nen f\u00fchren. Mein erster Fasching im Kindergarten war eine Katastrophe. Ich wusste, dass die anderen M\u00e4dchen in rosa gl\u00e4nzenden Satinkost\u00fcmen kommen w\u00fcrden. Und ich wollte auch eine Prinzessin sein. Doch selbst von unseren edelsten Alltagskleidungsst\u00fccken sah ich mich nicht geadelt \u2013 dann lieber gar kein Kost\u00fcm. Ich ging missmutig zum Kindergarten, sah meine Konkurrentin mit ihrer Krone auf den langen blonden Haaren und meine beste Freundin in einem perfekten Mauskost\u00fcm mit gro\u00dfen grauen Ohren auf dem Kopf. Eine Kinderg\u00e4rtnerin hat die Situation erkannt und mich im Nebenraum geschminkt, mir eine wei\u00dfe Stola \u00fcber die Schultern gelegt, eine Schleife ins Haar gebunden. Ich war dann irgendetwas Spanisches. So ich f\u00e4hig, mich in den Kreis der tanzenden Prinzessinnen, M\u00e4use und Piraten einzureihen. Es gibt ein Foto von diesem Tag, auf dem ich noch mit Tr\u00e4nen in den Augen zwischen den anderen im Gewusel stehe, die wei\u00dfe Stola \u00fcber meinem rotblau gestreiften Nikkipullover.<\/p>\n<p>Fasching war seitdem jedes Jahr ein Problem. Einmal rettete mich der ausgediente schwarze Cordmantel meines Vaters. Mit einem Plastikgebiss wurde er zu einem passablen Vampirkost\u00fcm.<\/p>\n<p>Problematischer war das Jahr, in dem ich als Schildkr\u00f6te gehen wollte. Meine Mutter lief m\u00fcde hinter mir durch die Kaufh\u00e4user. Ich kaufte gr\u00fcne Leggings, ein gr\u00fcnes T-Shirt, Textilfarbe, bemalte es mit einem Schildkr\u00f6tenpanzermuster und versuchte, ein Gebilde aus gr\u00fcner Pappe zu basteln. Es sah am Ende aus wie ein gro\u00dfer Chinahut. Ich war also haupts\u00e4chlich gr\u00fcn und musste in der Schule den ganzen Tag erkl\u00e4ren, dass mein Kost\u00fcm auf keinen Fall einen Frosch darstellen sollte.<\/p>\n<h1><strong>Ein Kind von Langzeitarbeitslosen zu sein, kann viel bedeuten.<\/strong><\/h1>\n<p>Meine Eltern sind \u00fcberhaupt nicht so souver\u00e4n wie diese Eltern. Aber im Gegensatz zu\u00a0manchen anderen Eltern, die materiell und \u00fcberhaupt mehr zu bieten zu haben, haben\u00a0meine Eltern immer zu mir gehalten.\u00a0Ein Kind von Langzeitarbeitslosen zu sein kann viel bedeuten. Am pr\u00e4gendsten sind vor\u00a0allem die fehlenden Erfahrungen \u2013 wie ein Familienurlaub ist, wie gut ein Sonntagsessen\u00a0schmecken kann und wie hilfreich in manchen Situationen spendable Patentanten doch sein k\u00f6nnen. Am heftigsten vermisst man jemanden an seiner Seite, der einem jenes\u00a0Grundvertrauen einfl\u00f6\u00dft, das andere schon mit der Muttermilch eingesogen haben. Denn\u00a0auch Chancen brauchen Mut und meist auch etwa Geld. Das fehlt aber. Geigenunterricht?<\/p>\n<p>Braucht eine Geige. Besuch im Technik- Museum? Kostet Eintritt. Bildung durch Reisen?\u00a0Unbezahlbar.\u00a0Welche Rollen d\u00fcrfen arbeitslose Eltern in der \u00d6ffentlichkeit spielen? Meistens die der\u00a0Verlierer, die sich nicht w ehren k\u00f6nnen, weil sie keine Macht haben und keinen Einfluss,\u00a0den sie geltend machen k\u00f6nnten. Sie m\u00fcssen sich zu allererst gegen das Vorurteil\u00a0verteidigen selbst an ihrer Situation Schuld zu sein, vielleicht etwas vers\u00e4umt zu haben\u00a0oder aber zumindest dagegen sich im entscheidenden Augenblick falsch entschieden zu\u00a0haben. Kein Wunder, wenn man da mal aggressiv wird oder hoffnungslos wenn keine\u00a0Ver\u00e4nderung m\u00f6glich scheint. Denn wieviele Vorurteile man auch aus dem Blickfeld r\u00e4umen kann, es wartet immer schon das n\u00e4chste. Ich weigere mich diese hier noch mal zu wiederholen. Mit wenig Geld zurechtzukommen ist die eine Sache. Aber man hat andere Erinnerungen an seine Eltern, wenn man diese von klein auf als Bittsteller erlebt, wenn man ihre Ohnmacht und Traurigkeit sp\u00fcren kann, auch wenn sie es versuchen vor ihren Kindern zu verstecken. Das instabile Grundgef\u00fchl lauert immer im Hintergrund und manchmal, aber das ist nicht die Regel, bekommt es ein Gesicht.<\/p>\n<h1><b>Helden<\/b><\/h1>\n<p>Woher kommt der Impuls bei Kindern, sich so stark zu f\u00fchlen, dass sie glauben, ihre Eltern verteidigen zu k\u00f6nnen? Immer wenn ich dieses Gef\u00fchl der Verletztheit bei meiner Mutter sp\u00fcrte, habe ich die \u00dcbelt\u00e4ter in meiner Phantasie fertig gemacht. Wie ein besch\u00fctzender W\u00e4chter wollte ich mich vor meine Eltern stellen, so dass keiner sie traurig machen konnte.<\/p>\n<p>Richtig verteidigen musste ich sie erst mit 17 im Ausland. Wenn mich Erwachsene zur Seite nahmen und mir sagten, wie reif sie mich f\u00fcr mein Alter hielten, habe mich geschmeichelt gef\u00fchlt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Dann folgten ein paar Fragen zu meinem Familienhintergrund. \u00bbWie bist du blo\u00df so weit gekommen, bei <i>den <\/i>Eltern?\u00ab Solche Worte f\u00fchlten sich einen Moment lang an, als fiele ein warmer Sonnenstrahl auf mich, der mir in der n\u00e4chsten Sekunde so zusetzte, dass mir spei\u00fcbel wurde. Ich hatte mir Respekt verschafft. Gleichzeitig wusste immer, dass meine Eltern gute Menschen sind. Was ich als Lob empfand, war Verrat an ihnen: Denn sie sind grenzenlos gro\u00dfz\u00fcgig und haben immer alles getan, so gut sie es eben konnten.<\/p>\n<p>Das wichtigste Kapital in meinem Leben habe ich von ihnen selbst bekommen: Offenheit und Ehrlichkeit, Verst\u00e4ndnis und Herzlichkeit und die F\u00e4higkeit, \u00c4ngste \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen und Verantwortung f\u00fcr meine Taten zu \u00fcbernehmen. Meiner Meinung nach sind das die wichtigsten Werte im Leben \u00fcberhaupt. Ich habe, was ich geschafft habe, nicht <i>trotz<\/i>, sondern <i>wegen <\/i>ihnen geschafft. Sie haben den Mut gehabt, mir Vorbilder zu geben, die ziemlich weit entfernt waren von unserer Lebensrealit\u00e4t. Sie hei\u00dfen Martin Luther King, Judith Butler, Nelson Mandela, Louis Armstrong, George Tabori, Barbara Streisand, Doris Lessing \u2013 eine ziemlich krause Mischung. Doch haben alle eins gemeinsam: Sie sind alle daf\u00fcr bekannt, dass sie nach ihrem eigenen Verstand gehandelt haben und nicht nur entsprechend der gesellschaftlichen Konventionen. Und daf\u00fcr werde ich auch meine Eltern immer verteidigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><strong>Autos machen mich sentimental<\/strong><\/h1>\n<p>T\u00fcbingen 2012: Ich warte auf eine Mitfahrgelegenheit nach Berlin. Ein schwarzer Mercedes h\u00e4lt vor dem T\u00fcbinger Bahnhof. \u00bbHattest du Sorge, dass wir nicht kommen?\u00ab, fragt mich der Mann, drahtig, dynamisch, gr\u00fcne Fleece-Jacke, silberne Str\u00e4hnen. \u00bbWenn ich nicht gekommen w\u00e4re, h\u00e4tte ich schon jemanden geschickt.\u00ab Bevor ich antworten kann, hat er meinen Rucksack schon im Kofferraum verstaut. Ich setze mich auf die hellblaue Decke, die auf dem R\u00fccksitz ausgebreitet ist. Neben den Picknickkorb. \u00bbDa sind zwei Thermoskannen, eine ist f\u00fcr Sie\u00ab. Seine Frau dreht sich zu mir um. Sie hat mittelbraune Haare, kinnlang, die Augen ein bisschen geschminkt. Eine, die Laugenbr\u00f6tchen und Kaffee um sieben Uhr morgens f\u00fcr sich, ihren Mann und eine fremde Mitfahrerin vorbereitet hat.<\/p>\n<p>Die beiden sind auf dem Weg zu ihrer Tochter, die 700 Kilometer von T\u00fcbingen in einer Kleinstadt oberhalb Berlins gerade ein Praktikum macht. Die Strecke werden sie retour in zwei Tagen zur\u00fccklegen. Ganz sch\u00f6n anstrengend, denke ich, und als ob sie meine Gedanken geh\u00f6rt h\u00e4tte, sagt die Frau fr\u00f6hlich: \u00bbDas ist nur halb so weit wie nach Istanbul.\u00ab Ihr Mann stammt von dort. Sie fahren sehr organisiert. Es ist die Fahrt mit den meisten Pausen und doch eine der schnellsten, die ich nach Berlin mitgefahren bin, sicher die kurzweiligste. Ich beobachte die beiden interessiert. Ich vergleiche sie mit meinen Eltern.<\/p>\n<p>Ich ahne, dass sie sich im Studium kennengelernt haben. Bei den letzen Z\u00fcgen einer Zigarette erz\u00e4hlt er mir, wie er als Student in T\u00fcbingen Schnee geschippt hat. Jeder hat seins: Er trainiert eine Fu\u00dfballmannschaft, sie ist Lehrerin und organisiert offensichtlich mit gro\u00dfer Begeisterung Ausfl\u00fcge f\u00fcr ihre Klassen. So stelle ich mir richtige Eltern vor, den Gedanken kann ich mir nicht verkneifen. Sie fahren ein gro\u00dfes Auto. Sie machen Urlaub. Sie bringen ihrer Tochter mal eben zwei Kisten mit T\u00fcrkischb\u00fcchern und ein paar Kleinigkeiten vorbei. Zwei Tage Urlaub, mehr Zeit kann keiner von beiden freinehmen. Aber sie schmiert die Br\u00f6tchen und beide fahren einfach los. Falls ihre Tochter da oben bleiben w\u00fcrde, dann br\u00e4uchte sie ein Auto. \u00bbMan hat ihr einen Ausbildungsplatz angeboten\u00ab, erz\u00e4hlt mir die stolze Mutter. Die Tochter macht gerade ihren F\u00fchrerschein. \u00bbSie k\u00f6nnte sich ein billiges Auto kaufen\u00ab, sagt die Mutter. Oder die Eltern w\u00fcrden ihr eins besorgen, da bin ich ganz sicher.<\/p>\n<p>Meine Eltern k\u00f6nnten mir keine Kisten bringen, mich nicht beim Autokauf beraten. Meine Eltern w\u00fcrden mich vermutlich auch nicht besuchen kommen, schon gar nicht an einem Wochenende so viele Kilometer hin und zur\u00fcck fahren. Ich schaue durchs Autofenster auf die Landschaft. Wegen der Nebelschwaden sieht man fast nichts. Ich kann nicht schlafen, der Radiosender ist laut. SWR mit Pop und Hits. Die Lehrerin singt einen Refrain mit. Ich mag sie daf\u00fcr. Ich denke zum ersten Mal daran, dass meine Eltern mittlerweile zehn Jahre \u00e4lter sind als diese beiden.<\/p>\n<p>Autos machen mich sentimental. Autos haben mich immer an Orte gebracht, an die ich ohne Auto nicht gekommen w\u00e4re oder an die meine Mutter nicht mit mir gefahren w\u00e4re. Es ist Luxus, von der Haust\u00fcr direkt ans Ziel zu kommen, ohne die U-Bahn benutzen oder die Schuhe nach der L\u00e4nge des Weges und den Pflastersteinen zwischen Ziel und Bahnhof w\u00e4hlen zu m\u00fcssen. Als Kind wollte ich nie ankommen und nie aussteigen m\u00fcssen. Einige Male haben uns Freunde abends mit ihrem Auto nach Hause gefahren. Ich erinnere mich an die Lichter. Ich wollte immer einschlafen, damit man mich nicht aus dem Auto holen konnte, wenn wir da waren. Aber ich konnte nie schlafen, weil\u00a0ich nichts von der Autofahrt verpassen wollte. Also habe ich am Ende immer so getan, als w\u00fcrde ich schlafen. Ich musste immer aussteigen.<\/p>\n<p>Im Ausland habe ich, als ich siebzehn war, heimlich im Auto geweint. Ein Auto ist gerade gro\u00df genug f\u00fcr eine ganze Familie. Im Auto entsteht eine enge Gemeinschaft Solange ich im Auto mit einer Familie sa\u00df, war ich pl\u00f6tzlich Teil von etwas, das mir eigentlich fremd war. Etwas, das ich vermisst habe. Deswegen machte es mich traurig. Ich f\u00fchlte mich gl\u00fccklich und fehl am Platz zugleich. Ich habe in meinem Leben mit vielen Familien in ihren Autos gesessen. Solange ich da sa\u00df, geh\u00f6rte ich dazu. Menschen, die ein Autohaben, strahlen Souver\u00e4nit\u00e4t aus. Sie holen ab, bringen nach Hause, sie sind M\u00f6glichmacher. Sie riechen anders. Nach Polstersitzen, Wunderb\u00e4umen und Autoradios. Sie haben dicke schwarze Schl\u00fcssel. Sie sind unabh\u00e4ngig. Sie brauchen niemanden bitten, sie k\u00f6nnen ihre r\u00fcckenkranke Mutter einfach einpacken und mitnehmen. Sie k\u00f6nnen ein St\u00fcck \u00bbZuhause\u00ab transportieren, gro\u00dfe schwere Dinge mitnehmen und sie k\u00f6nnen viel einkaufen. Autos sind Souver\u00e4nit\u00e4t. Ein schwarzer Mercedes, wie der in dem ich gerade sitze, ist sehr souver\u00e4n.<\/p>\n<h1><strong>Normalit\u00e4t, was hei\u00dft das schon?<\/strong><\/h1>\n<p>Meine Mutter hat gesagt: \u00bbIch habe das Leben so gerne rechtschaffen leben wollen. Und\u00a0in allem richtig handeln.\u00ab Und schon die gro\u00dfen Trag\u00f6dien unserer Literaturgeschichte\u00a0handeln von Menschen, die daran gescheitert sind. Oft waren sie auch arm: Romeo und\u00a0Julia vom Dorfe, Raskolnikov aus Dostojewskis Schuld und S\u00fchne und viele mehr.\u00a0Armut hat viele Dimensionen. Vier halte ich f\u00fcr besonders relevant: die finanzielle, die\u00a0soziale und Bildung. Eine weitere ist die Herkunft, o der der Status der Herkunftsfamilie &#8211;\u00a0nicht zu vergessen der Aufenthaltsstatus.\u00a0Sollte ich mich selbst beschreiben, dann sind die statistisch f\u00fcr meine Herkunft relevanten\u00a0Kategorien: Ich bin Scheidungskind, aufgewachsen bei einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter, mit ,daraus selbstverst\u00e4ndlich folgend, wenig Geld und ebenfalls daraus folgend &#8211; wobei es\u00a0nicht selbstverst\u00e4ndlich, aber auch nicht untypisch ist: einem\u00a0geringen sozialen Umfeld und ohne Leitfigur, die mich auf die Konkurrenzk\u00e4mpfe und Dos\u00a0and Dont&#8217;s, die f\u00fcr den Platzkampf in dieser Gesellschaft am wichtigsten sind,\u00a0vorbereitet hat. Dies sind die sogenannten Risikofaktoren. Ebenfalls typisch, aber nicht\u00a0ganz so gew\u00f6hnlich in diesem Zusammenhang: Meine Mutter hat statistisch gesehen einen mittleren Bildungsabschluss und eine abgeschlossene Ausbildung als Krankenschwester. Ein Beruf, den sie nach ein paar Jahren jedoch &#8211; und da sind wir wieder bei den typischen Risikofaktoren &#8211; nicht mehr aus\u00fcben konnte &#8211; zum einen aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden, zum anderen aus strukturellen Gr\u00fcnden, da auch in diesem Beruf damals keine Teilzeitstellen f\u00fcr alleinerziehende M\u00fctter vorgesehen waren. Ein Dilemma, das auf dem Arbeitsmartkplatz immer noch ungel\u00f6st ist.<\/p>\n<p>Alles weitere Wissen und die Interessen meiner Mutter &#8211; Opern und anspruchsvolle\u00a0Weltliteratur, philosophische, moralische und religi\u00f6se Denker, die sie gelesen hat und die\u00a0man auf das Niveau der h\u00f6heren Bildung einstufen m\u00fcsste &#8211; sind nicht zertifiziert, damit nicht messbar und waren somit auch niemals bei der Arbeitssuche verwertbar. Somit haben wir ein typisches Szenario, dass strukturell fast zwanghaft in Langzeitarbeitslosigkeit m\u00fcnden wird, wenn keine Kompensation der vier Diemensionen m\u00f6mglich ist. Im Buch klingt es so:<\/p>\n<p>Die Armutsdimension, die in unserem speziellen Fall am schwersten wiegt, lag im Sozialen. Abgesehen davon, dass wir viele kulturelle Veranstaltungen nicht besuchen konnten, dass wir nie ins Restaurant gegangen sind, nicht zum Friseur, nicht Kaffeetrinken und unterwegs kostenpflichtige Toiletten vermieden haben, hatten wir keine Bekannten, kein soziales Umfeld, das hilfreiche Kontakte zu anderen geboten h\u00e4tte. Ich habe manchmal Zwieback mit Senf gegessen, weil das am ehesten nach Burger schmeckte, aber ich bin nie hungrig schlafen gegangen. Wir haben in einer ordentlichen Wohnung gewohnt, wir hatten immer warmes Wasser und Strom. Wir h\u00e4tten uns aber nie eine dieser Wasserflaschen f\u00fcr 2.40 Eur am Bahnhof geleistet. Und einen Kuchen oder Cappuccino h\u00e4tten wir nur gekauft, wenn es ei ne besondere Gelegenheit gewesen w\u00e4re und die h\u00e4tten sehr gut schmecken m\u00fcssen um ihre 3 Euro wert zu sein. Wir brauchten immer einen guten Grund, um uns etwas au\u00dfer der Reihe zu leisten. Unsere Geschenke sind in Servietten eingewickelt und mit Paketband zugeschn\u00fcrt und wir finden das sch\u00f6n. Wo andere Poster in Bilderrahmen h\u00e4ngen haben, werden bei uns die Bilder mit Setcknadeln in die Tapete gepikst und meine Mutter hat unsere ersten Gardinen aus gro\u00dfen Luftmaschen geh\u00e4kelt. Und wenn wir jemanden besonders sch\u00e4tzten, tischen wir kein Sonntagsgeschirr auf, sondern essen mit ihm oder ihr aus dem Topf.\u00a0Wir lebten wie in einer Luftblase in unserer eigenen Welt, mit ihren eigenen Regeln, durch\u00a0eine gl\u00e4serne Membran getrennt von dem Alltag mit Abendbrot und Spreewaldgurken, der in\u00a0den meisten Familien \u00a8Normalit\u00e4t\u00a8 hei\u00dft.\u00a0Normalit\u00e4t, was ist das? Sie beginnt immer mit einem Vergleich zwischen mir und den\u00a0Anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.03.2019 Performance im Anschluss an &#8222;Ray and Liz&#8220; im Pontio, Bangor Extract \u00a0from the book &#8222;Nicht von schlechten Eltern. 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