{"id":412,"date":"2015-06-06T16:21:24","date_gmt":"2015-06-06T14:21:24","guid":{"rendered":"http:\/\/undinezimmer.de\/?p=412"},"modified":"2016-11-06T16:56:01","modified_gmt":"2016-11-06T14:56:01","slug":"gelbe-briefe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/2015\/06\/gelbe-briefe\/","title":{"rendered":"Gelbe Briefe"},"content":{"rendered":"<h2><span style=\"color: #ff9900;\">Erste Phase: Ohnmacht<\/span><\/h2>\n<p>Schon wieder liegt eine hellgelbe Karte in meinem Briefkasten. Nicht die f\u00fcr P\u00e4ckchen, die andere, die mich wider Willen beordert zum Postschalter zu gehen, um ein Schriftst\u00fcck abzuholen, dass ich gar nicht haben will. Einen gelben Brief per Postzustellungsurkunde. Ich muss etwas tun, das ich nicht tun will und das schwer in meinen Zeitplan zu integrieren ist, um etwas zu bekommen, was ich nicht haben will. Das ist schon der erste Zwang und nimmt mir mein Mitbestimmungsrecht. Von vornherein muss ich mich beugen. Kurz blitzt der Gedanke auf: Ich k\u00f6nnte den Brief ja einfach nicht abholen. Aber die Angst vor dem was folgen wird, treibt mich doch zum Postschalter. Letztes mal, wie sch\u00f6n, hat die Postbeamtin den Brief nicht mehr gefunden. Diesmal aber kommt er nach umst\u00e4ndlichem Kramen zum Vorschein und ich muss ihn mitnehmen.<\/p>\n<p>Der zweite Zwang: Ich muss den Brief in meiner Tasche mit nach Hause tragen, obwohl ich ihn am liebsten in den n\u00e4chsten M\u00fclleimer werfen m\u00f6chte. Der Brief in meiner Tasche versteckt sich kichernd hinter dem Kalender und der Geldb\u00f6rse.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #ff0000;\">Zweite Phase: Wut<\/span><\/h2>\n<p>Zuhause schweigt mein ungebetener Gast. Er muss nichts mehr sagen. Er wei\u00df, dass ich ihn schnell \u00f6ffnen muss, denn sonst laufen wertvolle Fristen ab.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch nicht genau, was er mir bringt. \u00bbIch bin nur der Bote\u00ab, s\u00e4uselt er bes\u00e4nftigend und macht sich etwas blasser. Dennoch raschelt er immer noch mit der Arroganz des M\u00e4chtigeren, als ich ihn \u00f6ffne und seine Forderung, die in Euro an mich gerichtet ist, schnell wieder zur Seite lege. Nicht umsonst hei\u00dft es Papierkrieg. Papierkrieg ist Nervenkrieg. Wie kann mich ein St\u00fcck Papier so unter Druck setzten? Den Kessel f\u00f6rmlich zum Vibrieren bringen. Wut kocht von 0 auf 100 in 10 Sekunden, st\u00f6\u00dft gegen den Deckel des Kessels und f\u00e4llt zur\u00fcck in mich auf fruchtbaren Boden. Wieso f\u00fchle ich mich so ohnm\u00e4chtig? Es nutzt nichts, dass ich mir sage, da hat nur jemand seine Arbeit nach Vorschrift gemacht, der Brief ist kein Angriff auf meine Person.<\/p>\n<p>Ich kann es mir so oft sagen, wie ich will, am Ende ist mein Bauch trotzdem davon \u00fcberzeugt, dass da jemand sa\u00df, der mich f\u00fcr irgendetwas bestrafen will, obwohl ich unschuldig bin. Jemand will mich nerv\u00f6s machen und ist hinter mir her. Meine Wut richtet sich zielgenau gegen die Person, die den Brief auf mich zugeschnitten und in die Post beordert hat. Tr\u00e4fe ich diese Person \u2013 ich weiss ich nicht, ob ich mich zivilisiert verhalten w\u00fcrde. \u00bbNimm das zur\u00fcck, mach, dass das weg geht!\u00ab , w\u00fcrde ich vielleicht schreien und versuchen, sie am Kragen zu packen.<\/p>\n<p>So f\u00fchlt es sich an, so hilflos, so ausgeliefert, so ungerecht. Aber die absendende Person w\u00fcrde sagen: \u00bbSie waren nur eine Wiedervorlage, die ich abarbeiten musste. Ich habe damit weiter nichts zu tun. Ich habe nur die Aufgabe, zu pr\u00fcfen, ob Sie zahlungsf\u00e4hig sind. Sie haben jedoch dreimal nicht auf das Formular geantwortet. Also habe ich Ihnen einen gelben Brief geschickt. Das h\u00e4tten Sie an meiner Stelle auch getan. Also was wollen Sie nun von mir?\u00ab Und das w\u00e4re richtig. Ich habe nicht geantwortet, bis die Briefe gelb wurden. Weil mir die Briefe schon vorher ungerecht vorkamen. Meine Antwort war immer: Bei mir gibt es noch nichts zu holen! Das habe ich durch Ignoranz der Briefe mitgeteilt. Dass man das nicht einfach versteht und mich in Ruhe l\u00e4sst.<\/p>\n<h2><span style=\"color: #00ff00;\">Dritte Phase: Erleichterung<\/span><\/h2>\n<p>Es geht gar nicht so sehr um die Summe und ob ich in der Lage bin, diese, in welchen Raten auch immer, zu bezahlen. Es geht um das Gef\u00fchl von Gewalt, gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich habe die im Brief angegebenen Paragraphen nachgeschlagen, in der Hoffnung, eine Antwort, eine L\u00fccke, einen Beweis meiner Unschuld zu finden, aber vergeblich. Sie sind bestenfalls Verweise auf weitere Gesetzte, nicht der Link zu einem Nachschlagewerk, das mir die Forderung verst\u00e4ndlich machen w\u00fcrde. Also brauche ich Hilfe. Die kostet wieder Geld. Ich hatte noch nie etwas mit einer Rechtsberatung oder mit Anw\u00e4lten zu tun. Fremde Welten. Wieder stellt sich Nervosit\u00e4t ein. Wen soll ich fragen? Werde ich richtig beraten werden? Bezahle ich dann noch mehr oder bekomme ich vielleicht sogar Recht?<\/p>\n<p>Solange ich diese Gedanken mit mir herumtrage, umschlingen sie meinen Kopf wie ein dunkles Tuch, das zu fest geknotet wurde. Eine Woche lang, zwei Wochen. Dann ringe ich mich durch und rufe die Nummer an, die mir jemand empfohlen hat. Nach dem Gespr\u00e4ch, in dem Moment, in dem ich den H\u00f6rer auflege, f\u00e4llt das Sorgentuch von mir ab. N\u00e4chste Woche ist mein Beratungstermin. Dann werde ich endlich verstehen, welche Rechte ich in dieser Angelegenheit eigentlich habe und was ich tun muss. Ich bin nicht mehr hilflos ausgeliefert. Diese Erleichterung ist wert, was auch immer sie kosten wird. Auf einmal kann ich die ganze Angelegenheit wieder sachlich betrachten. Ein Brief ist ja schlie\u00dflich nur aus Papier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon wieder liegt eine hellgelbe Karte in meinem Briefkasten. Nicht die f\u00fcr P\u00e4ckchen, die andere, die mich wider Willen beordert zum Postschalter zu gehen, um ein Schriftst\u00fcck abzuholen, dass ich gar nicht haben will. Einen gelben Brief per Postzustellungsurkunde. <\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/2015\/06\/gelbe-briefe\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Gelbe Briefe<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":416,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-412","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gedanken-ueber","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/412","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=412"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/412\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":420,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/412\/revisions\/420"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=412"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=412"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=412"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}