{"id":601,"date":"2016-10-03T08:56:25","date_gmt":"2016-10-03T06:56:25","guid":{"rendered":"http:\/\/undinezimmer.de\/?p=601"},"modified":"2016-11-06T17:10:58","modified_gmt":"2016-11-06T15:10:58","slug":"85-prozent-krefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/2016\/10\/85-prozent-krefeld\/","title":{"rendered":"8,5 Prozent: Krefeld"},"content":{"rendered":"<h1>Fachklinik K\u00f6nigshof<\/h1>\n<h3>Lesung am 15.09.2016<\/h3>\n<p>In diesem Jahr bin ich das zweite Mal in Krefeld. Letztes Mal im April wurde ich direkt abgeholt und habe die Stadt nur punktuell wahrgenommen: die Stra\u00dfe, in der mein kleines familiengef\u00fchrtes Hotel liegt, das Restaurant am alten Bahnhof, wo ich mit Vertretern des Sozialwerks Krefelder Christen e. V, des Arbeitslosenzentrums, des Caritasverbandes und des Katholikenrats zu Mittag essen durfte, und schlie\u00dflich die <a href=\"http:\/\/www.mediothek-krefeld.de\/\">Mediothek<\/a>, in der ich gelesen habe. Von der Mediothek schw\u00e4rme ich heute noch, eine Bibliothek mit Sitzecke, Veranstaltungsraum, Caf\u00e9, Platz zum Lernen und Sich-austauschen \u2013 ein Treffpunkt mit B\u00fcchern, Videos, Spielen. Jemand lacht, als ich das erz\u00e4hle, die Mediothek sei wohl auch das einzige moderne Vorzeigeobjekt der Stadt Krefeld, und das m\u00fcsse so einiges an verkommenem Stadtbild ausgleichen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/tanteemma.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-614 alignleft\" src=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/tanteemma-300x284.jpg\" alt=\"tanteemma\" width=\"300\" height=\"284\" \/><\/a><br \/>\nHeute werde ich nicht abgeholt. Richtig in die Innenstadt schaffe ich es trotzdem wieder nicht. Wenn man in Krefeld am Bahnhof aussteigt und ein paar Meter Richtung Innenstadt geht, erh\u00e4lt man tats\u00e4chlich keinen Anhaltspunkt daf\u00fcr, dass Krefeld, die einstige Seidenstadt, vielleicht irgendwo doch noch ein sch\u00f6nes Stadtgesicht versteckt. So weit ich komme, ist es h\u00e4sslich, staubig, Leerstand, Baustellen, Billigl\u00e4den. Ich habe geh\u00f6rt, dass es weiter hinten noch ein sch\u00f6nes altes Stadtzentrum gibt. Aber ich schaffe es nur bis zu den ersten Metern der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone zu Tante Emma. Tante Emma ist heute ein Eckimbiss mit Gestalten, die man in manchen Kreisen als subkulturell bezeichnen w\u00fcrde. Aber Tante Emma bietet eine gro\u00dfe Portion Pommes an, die genau richtig knusprig frittiert sind. Vielleicht hat der Imbiss hier gerade erst aufgemacht, denn die beiden Mitarbeiter sind \u00fcberaus h\u00f6flich und zwei sind wohl in so einer m\u00fcden Mittagszeit eigentlich zu viel hinterm Tresen. Hinter mir saugt ein Ehepaar, das die mittleren Jahre hinter sich gebracht hat, an Cola und Fanta und sinniert \u00fcber Hausschuhe f\u00fcr vier Euro bei Woolworth. Rechts von mir sitzt ein junger Mann mit Boxerh\u00fcndchen und Mama. \u00bbMama, wenn ich Geld h\u00e4tte\u00ab , schimpft er, \u00bbdann w\u00fcrde ich so was von Ausreisen! Nach Canada oder so. Was ist das f\u00fcr eine Welt hier. Guck dir die Gesichter doch mal an. Keiner l\u00e4chelt.\u00ab \u00bbRede nicht so laut\u00ab, sagt seine Mutter. Das d\u00e4mpft seine Stimme nicht, er doziert weiter dar\u00fcber, dass Alkohol viel gef\u00e4hrlicher ist als mal n Joint und was sonst noch nicht tragbar ist. Eine Freundin von Mama setzt sich an den Tisch. Vor mir z\u00fcndet ein d\u00fcrrer, verschwitzter Arbeiter in Latzhose noch eine Zigarette zu seinem Kaffee an. Wir alle gucken auf die Menschen, die auf der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone hin und her eilen. Ich checke meine Statistik: \u00a0Im Juni 2016 hatte Krefeld <a href=\"https:\/\/www.krefeld.de\/de\/dienstleistungen\/aktuelle-einwohnerzahlen\/\">233 034 Einwohner<\/a>, die h\u00e4ufigsten Vornamen sind <a href=\"http:\/\/www.beliebte-vornamen.de\/781-vornamen-der-einwohner-von-krefeld.htm\">Maria und Michael<\/a> und die Arbeitslosenquote vom August 2016 betr\u00e4gt<a href=\"https:\/\/statistik.arbeitsagentur.de\/Navigation\/Statistik\/Statistik-nach-Regionen\/BA-Gebietsstruktur\/Nordrhein-Westfalen\/Krefeld-Nav.html\"> 8,5 Prozent<\/a>, im April lag sie noch bei <a href=\"https:\/\/www.arbeitsagentur.de\/web\/content\/DE\/dienststellen\/rdnrw\/krefeld\/Agentur\/Presse\/Presseinformationen\/Detail\/index.htm?dfContentId=EGOV-CONTENT432444\">10,8 Prozent<\/a>.<\/p>\n<blockquote>\n<h2 style=\"padding-left: 60px;\">\u00bbMama, wenn ich Geld h\u00e4tte\u00ab , schimpft ein junger Mann, \u00bbdann w\u00fcrde ich so was von ausreisen!\u00ab<\/h2>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a0Auf dem Weg zur <a href=\"http:\/\/www.klinik-koenigshof-krefeld.de\">Klinik K\u00f6nigshof<\/a>, meinem heutigen Leseort, wird das Stadtbild nicht besser. Staubgraue Fassaden an stark befahrenen Stra\u00dfen, Baustellen, Imbisse, Spielotheken. Nichtorte. Es folgen ein paar ruhige Stra\u00dfen, eine gro\u00dfe un\u00fcbersichtliche Kreuzung und an der Auffahrt zur Klinik eine Brachfl\u00e4che mit Schild: Hier entstehen Behandlungspl\u00e4tze f\u00fcr 80 neue Patienten.<br \/>\nNach 200 Metern, hinter der Schranke und dem kleinen Pf\u00f6rtnerh\u00e4uschen, f\u00e4ngt das Erholungsgebiet an. Krankenhausparkflair mit kleinem Kaffeeh\u00e4uschen und einem sch\u00f6nen Backsteingeb\u00e4ude. Die Versuchung ist gro\u00df, ich k\u00f6nnte mich f\u00fcr ein paar Tage einweisen lassen, mich mal nur mit mir selbst besch\u00e4ftigen und im Park spazieren gehen. Aber nein, ein Nachmittag muss reichen. Auch w\u00e4re ich kein Privatpatient und das hie\u00dfe, dass ich mein Zimmer mit jemandem teilen m\u00fcsste. Das w\u00fcrde den Erholungsfaktor erheblich senken. Dann will ich vielleicht lieber doch nicht hier bleiben. In den Fachkliniken K\u00f6nigshof werden vor allem psychisch Kranke behandelt; auch Suchtkranke und Altersdemenz. Dann gibt es eine kleine Abteilung f\u00fcr Kardiologie. Die Klinik K\u00f6nigshof \u00f6ffnet gerne ihre T\u00fcren f\u00fcr Besucher von au\u00dferhalb. Sie bietet regelm\u00e4\u00dfig kulturelle Veranstaltungen an, damit die Klinik als Ort nicht von der Welt abgeschnitten ist. Nicht wie fr\u00fcher, als man noch versucht hat Kranke zu verstecken, weit weg vom Zentrum, damit der Rest der Gesellschaft nicht merkte, dass es sie gab. Was mich heute wohl f\u00fcr ein Publikum erwartet?<br \/>\nViele sind es leider nicht. Ein paar Patienten, B\u00fcrgermeisterin Gisela Kl\u00e4r und zwei Zuh\u00f6rer von au\u00dferhalb, sowie der leitende Facharzt der Klinik, die Seelsorgerin und die Sekret\u00e4rin der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Nun ja, dann gibt es hinterher kein Gedr\u00e4nge am Buffet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lesezeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-617 alignright\" src=\"http:\/\/undinezimmer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Lesezeit-300x147.jpg\" alt=\"lesezeit\" width=\"300\" height=\"147\" \/><\/a><br \/>\n\u00bbSie haben mir Resilienz und geistige Fitheit voraus. Ich bin ja nicht nur materiell eingeschr\u00e4nkt, sondern auch psychisch krank\u00ab, sagt ein Besucher nach der Lesung. Ich wei\u00df nicht so ganz was ich darauf antworten soll, ich kann seine geistige Fitheit ja nicht beurteilen. Also sage ich, dass ich sowohl Resilienz als auch geistige Fitheit jeden Tag neu aktivieren muss, was manchmal gar nicht so einfach ist. Er sagt weiterhin, dass Mobilit\u00e4t ihm wichtig ist. Wenn er Auto f\u00e4hrt, was er immer noch kann, ob wohl er psychisch krank ist, dann f\u00fchlt er sich als Teilnehmer in der Gesellschaft, indem er am Stra\u00dfenverkehr teilnimmt. Mein Vater h\u00e4tte ihm hier sofort zugestimmt. Er kann sich auch sehr fachlich zu verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen \u00e4u\u00dfern, so dass ihn die Seelsorgerin fragt, ob er nicht schon an einigen Veranstaltungen hier teilgenommen hat. Er sagt zun\u00e4chst, er w\u00fcrde sich viel selbst aneignen, r\u00e4umt beim zweiten Nachfragen aber ein, dass er hier schon die eine oder andere Veranstaltung besucht hat. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass er an fast jeder Veranstaltung und jedem Buffet in der Klinik teilnimmt.<br \/>\nIch ertappe mich dabei, dass ich mich bei jedem Gespr\u00e4ch nach dieser Lesung frage: Patienten oder Mitarbeiter? Ich w\u00fcrde das gerne abstellen, aber es geht nicht. Und mit dieser Erkenntnis \u00fcber mich selbst winde ich mich aus einem nicht enden wollenden Gespr\u00e4ch, unter dem Vorwand, dass ich nun meine Requisiten zusammen packen muss.<br \/>\nAuf der Fahrt zum Hotel unterhalte ich mich mit dem Chefarzt Jan Dreher \u00fcber die Schnittstellen von Psychiatrie und Arbeitslosigkeit. Ich sehe oft Menschen in ihrer Situation verharren. Er sieht Menschen gesund werden. Das gibt mir Hoffnung. Ich erfahre au\u00dferdem, dass er einen Blog f\u00fchrt, und st\u00f6bere noch vor dem Einschlafen in den Beitr\u00e4gen. Sie sind nicht nur fachlich, sondern auch f\u00fcr Laien leicht zug\u00e4nglich, kurz und knapp und unterhaltsam. Hier ist jemand wirklich begeistert von seinem Fach. Au\u00dferdem finde ich den Titel <a href=\"https:\/\/psychiatrietogo.de\">psychiatrietogo<\/a> genial und notiere mir noch ein paar Fragen, zu denen ich ihn unbedingt um eine Antwort bitten muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Fragen finden Sie <a href=\"http:\/\/undinezimmer.de\/2016\/10\/arbeit-und-psyche\/\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich ertappe mich dabei, dass ich mich bei jedem Gespr\u00e4ch nach dieser Lesung frage: Patienten oder Mitarbeiter? 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