{"id":641,"date":"2016-11-06T12:49:56","date_gmt":"2016-11-06T10:49:56","guid":{"rendered":"http:\/\/undinezimmer.de\/?p=641"},"modified":"2016-11-06T17:07:54","modified_gmt":"2016-11-06T15:07:54","slug":"34-prozent-reutlingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/2016\/11\/34-prozent-reutlingen\/","title":{"rendered":"3,4 Prozent: Reutlingen"},"content":{"rendered":"<h1>Theodor-Heuss-Schule<\/h1>\n<h3>Lesung am 07.10.2016<\/h3>\n<p>Lange ist es her, seitdem ich eine Schule betreten habe. Als ich im ersten Stock der <a href=\"http:\/\/www.ths-reutlingen.de\/index.php?id=2\">Theodor-Heuss- Schule<\/a> vor dem Zimmer der Direktorin Frau Gerstlauer ankomme, laufe ich durch eine Schlange von jungen Fl\u00fcchtlingen, die darauf warten, dass ihr Name aufgerufen wird. Einer nach dem anderen d\u00fcrfen sie dann an einen kleinen Tisch vortreten und bei einer zierlichen blonden Lehrerin etwas unterschreiben. Es dauert eine ganze Weile, bis alle durch sind. Fahrgeldausgabe f\u00fcr die VABO-Klassen (steht f\u00fcr Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen). Was f\u00fcr ein b\u00fcrokratischer Mehraufwand f\u00fcr eine Schule. Ich wette, die Lehrerin k\u00f6nnte sich auch Besseres vorstellen als jeden Monat wieder das Fahrgeld abzuz\u00e4hlen, wieder und wieder zu kontrollieren, wer wo gemeldet ist und welche Bescheide noch aktuell sind.<\/p>\n<p>Im B\u00fcro der Direktorin Frau Gerstlauer ersp\u00e4he ich mein Buch und das von Marco Mauer \u00bb<a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/buch\/7940906\/du-bleibst-was-du-bist\">Du bleibst was du bist<\/a>\u00ab. Ich werde hier also in guter Gesellschaft gelesen. Wir sprechen \u00fcber die Sch\u00fcler. Allgemein wundert sich die Direktorin, dass die Generation, die heute die Schulbank dr\u00fcckt, so viel unselbst\u00e4ndiger ist, als ihre Vorg\u00e4nger. Selbstorganisation fehle Vielen. Haben alle hier Helikoptereltern? Ein Beispiel: Viele bringen kein Pausenbrot mit. Wir sprechen \u00fcber 16- und 17-J\u00e4hrige auf dem Weg zum Abitur, nicht \u00fcber Grundsch\u00fcler aus prek\u00e4ren Vorort-Familien. Spukt hier wieder Generation Y? Oder Generation \u00bbIch geh\u2019 kurz zum B\u00e4cker\u00ab? Bald schwenkt das Gespr\u00e4ch wieder auf die Fl\u00fcchtlinge, auf das Fahrgeld und die jungen syrischen M\u00e4nner, die bis vor Kurzem in der Turnhalle nebenan hausten. Die Schule hatte damit offensichtlich kein Problem. Die Sch\u00fcler haben sich mit <a href=\"http:\/\/www.gea.de\/region+reutlingen\/reutlingen\/reutlinger+schueler+helfen+als+asyl+paten.4479683.htm\">Projekten<\/a> f\u00fcr die jungen M\u00e4nner engagiert. Das hat die Direktorin sehr ger\u00fchrt. Da waren die Sch\u00fcler dann doch aktiv und haben Eigeninitiative ergriffen. Auch Frau Gerstlauer engagiert sich, zum einen nat\u00fcrlich f\u00fcr ihre Sch\u00fcler, wenn Fragen mit anderen Beh\u00f6rden zu kl\u00e4ren sind, zum anderen privat als Ehrenamtliche. Ihre Lehrkraft ebenfalls. Und dann k\u00f6nnen sich beide die Jobcenterschelte doch nicht verkneifen. Musste ja kommen. Und ich bin jetzt der n\u00e4chste Adressat, denn ich bin ja auch irgendwie vom Jobcenter, obwohl heute nicht als dessen Repr\u00e4sentant hier. Ich rutsche in eine Zwischenrolle, ich h\u00f6re zu: Manche Infos bekomme man nur zuf\u00e4llig und inoffiziell. Einmal hei\u00dft es, ein Formular g\u00e4be es an der Theke, an der Theke hei\u00dft es, das stimme nicht, man m\u00fcsse einen Termin ausmachen. Lange Wartezeiten und kein Ergebnis, weil man den Zust\u00e4ndigen nicht ausmachen konnte. Manchmal f\u00fchlten sich die Fl\u00fcchtlinge unfreundlich behandelt. Dann wieder seien viele Mitarbeiter sehr freundlich und hilfsbereit, aber Fl\u00fcchtlinge ohne Begleitung w\u00fcrden manchmal weggeschickt. Der alte Gegensatz gilt: Individuum gegen Beh\u00f6rde, da kommt es zu Reibereien. An allen Schnittstellen trifft man auf Menschen mit unterschiedlichen Vorgaben und Zielen. Lehrer und Schuldirektorinnen sind ja auch nicht gerade daf\u00fcr bekannt, sich gern belehren oder unverrichteter Dinge wegschicken zu lassen. Gut f\u00fcr ihre Sch\u00fctzlinge. Aber ich bin heute ja wegen eines anderen Themas hier.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu meiner Klasse werde ich doch nerv\u00f6s. Ich halte die Lidlt\u00fcte mit meinen Requisiten fest in der Hand. Vor Schulklassen sprechen ist so eine Sache. Bin ich gleich cool genug, oder werden sie mich fertig machen? 25 Jugendliche, die der Zukunft trotzig entgegen sehen und gelangweilt sind von den sich immer wiederholenden Ermahnungen der Erwachsenen. K\u00f6nnen die mit meinem Text was anfangen?<\/p>\n<p>Jugendlichen sieht man nicht an, was sie denken. Sie gucken pr\u00fcfend. L\u00e4cheln ist die beste Verteidigung. Und da, nach dem sie mich ein paar lange Sekunden haben zappeln lassen, ernte ich auch vereinzelt ein L\u00e4cheln zur\u00fcck, dann folgen immer mehr und ich bin beruhigt. Heute werde ich mich doch nicht blamieren m\u00fcssen.<br \/>\nIch selbst bin so unendlich neugierig auf diese Sch\u00fcler. Wie reflektieren sie sich? Was denken sie, was ist ihnen wichtig in dieser Lebensphase? Wir sind hier auf der kaufm\u00e4nnischen Berufsschule. Die meisten haben Eltern sichere Berufe, wenige der Eltern waren mal arbeitslos. Die meisten Sch\u00fcler wohnen in einem Haus, die meisten bekommen den F\u00fchrerschein zumindest zum Gro\u00dfteil finanziert. Die Wenigsten haben hier mit den sogenannten Risikofaktoren Migrationshintergrund, Arbeitslosigkeit der Eltern, prek\u00e4re finanzielle Lage, unzureichendes soziales Netzwerk, alleinerziehende Eltern oder schlechte Bildung zu k\u00e4mpfen. Wir sind ja auch in Reutlingen, der <a href=\"http:\/\/www.gea.de\/nachrichten\/politik\/75+millionaere+leben+im+landkreis+reutlingen.4330302.htm\">Stadt der Million\u00e4re<\/a>. Arbeitslosenquote im Oktober 2016: <a href=\"http:\/\/www.gea.de\/region+reutlingen\/reutlingen\/arbeitslosenquote+gesunken.5052977.htm\">3,4 Prozent<\/a>.<\/p>\n<p>Haben die Sch\u00fcler trotzdem \u00c4ngste? Machen sie sich Sorgen \u00fcber ihre Zukunft? Tun sie. Sie fragen sich, ob sie die richtige Berufswahl getroffen haben, die Richtung ist den meisten klar, welcher Beruf genau es werden soll jedoch noch nicht. Ob sie ihren Lebensstandard halten k\u00f6nnen werden, fragen sich einige. Werden sie ihren Kindern die gleiche Sicherheit geben k\u00f6nnen, in der sie aufgewachsen sind? Bei welchem Beruf hat man heute schon eine Garantie? Was macht man, wenn man die falsche Entscheidung getroffen hat? Gibt es \u00fcberhaupt eine falsche, wenn man so jung ist? Diese Fragen besch\u00e4ftigen sie tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Mein Rat: Hauptsache man trifft eine Entscheidung.<br \/>\nIhre Lehrerin best\u00e4tigt mich. Sie ist auch \u00fcber Umwege zu ihrem Beruf gekommen, in dem sie nun zufrieden und angekommen scheint. Auch sie hatte das Gl\u00fcck im richtigen Moment Unterst\u00fctzer zur Seite zu haben. Eine F\u00e4higkeit war auch auf ihrem Weg besonders wichtig, die wir am Ende der Stunde den Sch\u00fclern gemeinsam ans Herz legen: Durchhalteverm\u00f6gen.<\/p>\n<h6><em>Liebe Sch\u00fcler, es war sch\u00f6n Euch kurz kennengelernt zu haben. Liebe Frau Gerstlauer und Frau Riepe, vielen Dank f\u00fcr die Einladung und die sch\u00f6ne Gelegenheit. Liebe Frau Gohl vom <a href=\"http:\/\/www.diakonie-reutlingen.de\">Diakonieverband Reutlingen<\/a>: Vielen Dank f\u00fcr\u2019s Einf\u00e4deln.<\/em><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jugendlichen sieht man nicht an, was sie denken. Sie gucken pr\u00fcfend. L\u00e4cheln ist die beste Verteidigung. Und da, nach dem sie mich ein paar lange Sekunden haben zappeln lassen, ernte ich auch vereinzelt ein L\u00e4cheln zur\u00fcck, dann folgen immer mehr und ich bin beruhigt. Heute werde ich mich doch nicht blamieren m\u00fcssen. <\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/2016\/11\/34-prozent-reutlingen\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">3,4 Prozent: Reutlingen<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":645,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[28],"tags":[],"class_list":["post-641","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=641"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":672,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/641\/revisions\/672"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/645"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/undinezimmer.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}